04.01.2019 Claudia Breitsprecher "Ausrufe und andere Zeichen"
Anhalten

Niemand erwartet etwas von diesem Ort, man kommt woher und will wohin, der Halt ein Intermezzo, das sich nicht vermeiden lässt. Direkt neben mir öffnet ein Reisebus die Türen. Aus seinem Inneren ergießt sich ein Strom munterer Damen im Sonntagsstaat. Sie scheinen die Einzigen zu sein, die es eilig haben, fluten das Restaurant im Laufschritt, und kaum haben sie den Eingang passiert, rauscht der Hauptstrom mit Getöse auf die Toiletten zu, während ein Bächlein zur Seite plätschert, um am Buffet zu versickern. Sofort weiß ich, was mich erwartet: ein Automat, der Scheine wechselt, eine Sperre, die jede von uns erst passieren lässt, wenn sie ihren Obolus entrichtet hat, und eine lange Schlange vor dem Frauenklo. Ich schließe mich an, zähle und rechne. 24 Wartende geteilt durch zehn Kabinen bei einer durchschnittlichen Verweildauer von etwa zwei Minuten pro Vorgang. Wir sind jung und alt, tragen Kostüm und Handtasche oder Jeans und Rucksack, riechen nach Rosenwasser, Knoblauch oder der eben gerauchten Zigarette, haben ein Kind an der Hand, das die Schenkel zusammenpresst, oder blicken in einen der Spiegel und richten das Haar.
Wohin ist plötzlich die Dringlichkeit? Wir halten an und aus, zurück und durch. Bilden ein Spalier, wenn einer der Herren vorbeikommt, der sein Anliegen schon erledigt hat. Er grinst und spricht ein Dankesgebet, man kann es sehen. Er ist (schon) erleichtert. Die Wirtschaft gendert in hellblau und rosa, aber wenn es um die wahren Geschäfte geht, ist plötzlich equal piss day. Und niemand fragt, ob die gleiche Anzahl von Quadratmetern für Männer und Frauen - in der Regel plus Nachwuchs aller Geschlechter - den buchstäblichen Bedürfnissen gerecht wird. Wir warten geduldig. Wir schweigen. Sehnsuchtsvolle Blicke zur Tür mit dem breitschultrigen Piktogramm, bei der niemand ansteht. Keine von uns schert aus und entert den freien Raum. Der große Fluss verlässt sein Bett nicht.
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